Soziale Konsequenzen der Erschöpfung – oder: hast du noch Freunde?

soziale Konsequenzen der Erschöpfung

Darstellung eines langjährigen Szenarios: „Hey Doris, kommst du heute Abend mit auf ein Glas Wein in die Stadt?“

Gängiges Antwort-Repertoire: „Sorry, hab schon was anderes vor“, „Ne, geht nicht. Hab morgen Frühdienst“, „Nein, heute     geht´s nicht, ich habe Kopfschmerzen“, „Tut mir leid, ich hab gerade so viel Stress und muss mal wieder ausschlafen“, „Nein, ich hab meine Tage und ziemliche Bauchschmerzen“, „Nein, heute lieber nicht. Aber ein anderes mal gerne“, „Ne, leider nicht, meiner Katze geht´s nicht gut“ usw. usw. usw.

Manchmal entsprach meine Antwort der Wahrheit. Meistens war es so, dass ich einfach nur zu erschöpft war, mich auch nur noch einen Meter vor die Tür zu bewegen.

Ab und an gab ich mir doch einen Ruck und ging mit. Einige male war das eine gute Entscheidung.  Meistens nicht. Ich war wortkarg, wenig schwingungsfähig für die Themen meines Gegenübers und wollte eigentlich nur wieder nach Hause.

Erkenntnis?: Diese Tipps, sich trotz Müdigkeit aufzuraffen, sind nicht pauschal als gut zu bewerten. Ich fühlte mich hinterher oft schlechter als vorher. Und der Freundschaft tat es auch nicht gut.

Dieses Verhalten weitete sich immer mehr aus. Geburtstage? Horror. Familienfeste? Ein Graus. Parties allgemein? Ohne mich. Ich saß lieber alleine zu Hause mit einem Glas Wein vorm TV. Irgendwann wurde ich einfach nicht mehr gefragt, ob ich mitkommen möchte. Bzw. wurde nicht mehr eingeladen. Das fand ich einerseits erleichternd, andererseits auch kränkend.

Ich hatte noch nie einen großen Bekanntenkreis. Das liegt mir nicht. Ich fühle mich mit wenigen, aber guten und echten Freundschaften wohler. Wenn diese paar Leute sich im Laufe der Zeit von dir distanzieren, ist das hart.

Allerdings habe ich das nur zeitweilig schlimm gefunden. Ich hatte ja sowieso keine Kraft mehr und war froh, in Ruhe gelassen zu werden. Schmerzlich bewusst wurde es mir nur, wenn mein Partner nicht da war und ich mit meiner tatsächlichen Einsamkeit gnadenlos konfrontiert wurde.

Ich hatte den Fehler begangen, mit meinen Freunden  nicht offen über meinen „Zustand“ zu reden. Und habe die unvermeidbare Quittung dafür erhalten.

Überall in den Medien liest man die schlauen Sprüche und Ratgeber:“Befreie dich von den Energie-Fressern in deinem Leben. Distanziere dich von den Menschen, die dich runterziehen.“ Tja. Was soll ich sagen. Die Rede ist von dir und mir.

Ich kann das auch sehr gut verstehen. Wer hat schon dauerhaft Lust auf jemanden, von dem kein Lebensfunke mehr ausgeht? Der kaum noch begeisterungsfähig ist und allerhöchstens zynischen Humor versprüht? Ich selber würde so jemanden auch nicht die Bude einrennen. (Obwohl ich zynischen Humor manchmal ganz witzig finde).

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Wenn es sich aber um einen guten Freund handelt? Ist demjenigen damit wirklich geholfen, dass man ihn alleine lässt? Wird er deswegen endlich mal was „merken?“  Ich weiß nicht. Wir reden hier ja nicht von einer Situation, die man als Betroffener einfach mal verändern kann. Wir reden von Beschwerden, die einfach nicht besser werden, was immer du auch bisher versucht hast.

Nur der Person, die sich distanziert hat, geht es nach der Distanzierung wohl besser. Ist das wirklich ein sozialer, erstrebenswerter Umgang miteinander? Geht es im Leben, innerhalb Freundschaften nur darum, dass es MIR gut geht? Dass ICH möglichst viel Nutzen aus der Verbindung ziehen kann?

Mir ist das zu einfach.

Wie du deine Freunde am besten einweihst

Es ist wirklich ein schwieriges Thema. Wie sollst du etwas erklären, das du selber kaum oder gar nicht begreifen kannst. Der Arzt sagt, du bist gesund. Du fühlst dich aber krank. Du kannst deinen Freunden also keine greifbare Diagnose präsentieren. Sie können nirgendwo nachlesen, woran du leidest und du kannst es auch nicht in Worte fassen.

Wenn du also nicht all deine Freunde verlieren möchtest, bleibt dir nichts anderes übrig, als ihnen deinen Zustand bestmöglich zu beschreiben.

Am besten bittest du deine beste Freundin (Freund) zu einem Gespräch. Kündige schon vorher an, dass du etwas wichtiges besprechen möchtest und es dir nicht leicht fällt. So kann sich dein Gegenüber bereits auf ein ernsthafteres Gespräch einstellen und du verringerst die Gefahr, dass das Gespräch in die falsche Richtig läuft.

Versuche, dein Dilemma in Worte zu fassen. Das könnte in etwa  so lauten:

„Es geht mir schon lange nicht gut. Ich fühle mich jeden Tag erschöpft und ausgelaugt. Ich finde keine richtige Erholung mehr, auch nicht am Wochenende oder im Urlaub. Meine Arbeit schaffe ich mit Mühe und Not. Danach bin ich total ausgepowert.

Mein Arzt findet nichts. Ich spüre aber, dass etwas bei mir nicht stimmt. Ich bin auf der Suche nach einer Lösung, aber das kann noch dauern.  Sei nicht sauer, wenn ich im Moment und wohl auch die nächste Zeit nicht mehr so viel Zeit mit dir verbringen kann. Ich brauche unheimlich viel Ruhe. Das hat nichts mit unserer Freundschaft zu tun. Im Gegenteil. Gerade jetzt brauche ich deine Loyalität und dein Verständnis.“

Versuche auf jeden Fall, von dir aus in Kontakt zu bleiben. Sei es per WhatsApp oder mittels kurzer Telefonate. Gestalte persönliche Treffen so, dass es für dich angenehm ist. Vielleicht ist es im Moment eher ein Spaziergang im Wald statt die Reizüberflutung im Nachtleben.

Mache nicht den Fehler, von deinen Freunden zu erwarten, dass sie von sich aus Rücksicht auf dich nehmen. Du wirst enttäuscht werden!

Wir haben es hier mit einer schweren Befindlichkeitsstörung zu tun, die für Außenstehende einfach nicht nachvollziehbar ist! Wenn du Erwartungen an deinen Freundeskreis bezüglich Unterstützung und Zuspruch hast, äußere sie! Sie können es sonst einfach nicht verstehen.

Versetz dich mal in ihre Lage: du bist abweisend, ziehst dich zurück, redest dich raus. Es muss so wirken, als ob DU die Freundschaft beenden möchstest. Wenn diese Konsequenz dann von deinen Freunden kommt, bist du gekränkt.

Schräg, oder?

Du hast noch eine Beziehung? Rette sie!

Ja, ich merke selber, dass dieser Artikel ziemlich stark mit dem Finger auf dich zeigt. Aber so ist es nunmal. Ständige Erschöpfung und Müdigkeit ist nicht nur für dich als Betroffener eine Qual. Auch für dein Umfeld ist es schwer. Insbesondere auch für deinen Partner. Und wenn du am Ende nicht völlig alleine dastehen möchtest, musst du einige Dinge beachten.

Eine Partnerschaft wird durch ein harmonische Geben und Nehmen in Balance gehalten. Geht es einem von beiden schlecht, bietet eine Beziehung dem Betroffenen zunächst Rückhalt und Sicherheit. Das ist für eine gewisse Zeit auch völlig in Ordung und sollte von einer guten Beziehung getragen werden.

Wenn dieser Zustand jedoch andauert und kein Ende in Sicht scheint, wird es zwangsläufig schwierig. Egal, wie groß die Liebe auch ist. Das Geben und Nehmen gerät in eine dauerhafte Schieflage.

Du klammerst? Hör auf damit!

Im Schlimmsten Fall nervst du deinen Partner irgendwann mit dem dauerhaften Beklagen deiner Situation und deinen Verlustängsten ihm gegenüber. Ich weiss selber, wie schnell das passiert. Es ist ja auch eine schlimme Situation, in der du da steckst.

In deinem eigenen Interesse solltest du dich aber nicht ausschließlich auf deinen Partner stützen. Du könntest ihn genau damit verscheuchen. Hör auf zu klammern! Niemand mag das.

Vergesse nicht: DU bist krank. Dein Partner nicht. Er ist in der Lage, Spaß zu haben, Aktiv zu sein, Freunde zu treffen. Und es ist ungemein wichtig für ihn. Lass ihm das und mache ihm kein schlechtes Gewissen, wenn er ausgeht und Spaß hat.

Sorgt er nicht für sich und seinen Ausgleich, droht im selber eine Depression oder ein Burn-out.

Du bist nicht nur eine Belastung!

Sicher bist du es manchmal. Vielleicht auch öfter. Aber schlimmer wäre, wenn du gar nicht mehr da wärst. Also komme nicht auf dumme Gedanken!

Dein Partner hat sich für dich entschieden, er ist aus freien Stücken bei dir. Er ist noch da, also ist eure Beziehung für ihn offenbar wichtiger, als du gerade glaubst. Ihr habt sicher viele schöne Momente miteinander. Und diese gilt es zu pflegen und zu stärken. Erschöpfung hin oder her.

Da kannst du einiges tun. Überlasse dies nicht nur dem Partner!

Tipps für den Umgang miteinander

  • Gespräche mit Negativspirale begrenzen
  • eigene Freiräume lassen, Aktivitäten ohne den Partner ausüben (lassen)
  • Positive Gemeinsamkeiten einplanen wie: zusammen kochen, einen schönen Film gucken, kleine Ausflüge unternehmen, Aufräumaktionen, spazieren gehen, Musik hören
  • keinen sexuellen Leistungsdruck entstehen lassen. Wenn du im Moment wenig Lust hast, ist das nur normal. Zwinge dich nicht. Eine Partnerschaft zu haben bedeutet nicht, einen Anspruch auf persönliche Befriedigung garantiert zu bekommen. Rede offen mit deinem Partner und findet eine Lösung, mit der beide eine Zeit lang klarkommen.
  • Baue kleine Gesten der Zuneigung in den Alltag ein. Das kann eine kleine, handgeschriebene Notiz sein, ein kleines Naschi in der Arbeitstasche, eine Zeitschrift oder was auch immer deinem Partner ein Lächeln ins Gesicht zaubert.

Nicht nur du brauchst Aufmerksamkeit in eurer Beziehung! Auch wenn klar ist, dass du im Moment mehr Zuwendung und Verständnis benötigst als gesunde Menschen. Vergesse nicht, von Zeit zu Zeit etwas zurück zu geben.

Das Wichtigste: verliere nie die Hoffnung. Mach dir selber und natürlich auch deinem Partner klar, dass du aktiv dabei bist, deinen unglücklichen Zustand zu verändern. Denn wenn du dich nicht darum bemühst, nervst du dein komplettes Umfeld irgendwann. Sorry, aber so ist es nun mal.

Gehst du jedoch offen mit den anderen um und signalisierst von Zeit zu Zeit, dass du an dir arbeitest, wird dir mit Sicherheit viel Verständnis und Unterstützung begegnen.

Auch, wenn dies einige Zeit dauern kann. Wenn du Glück hast, findest du relativ schnell deine persönliche Stellschrauben und es geht wieder bergauf. Mit den Tipps, die du hier findest,  bist du auf einem guten Weg!

 

Wie gehst du und dein privates Umfeld mit deiner Erschöpfung und Antriebslosigkeit um? Ich freue mich über deine Erfahrungen und Anregungen in den Kommentaren unter dem Artikel.

Alles Gute wünscht dir

Doris

Das Wichtigste in Kürze

  • Weihe deine engsten Freunde offen ein
  • Äußere Deine Wünsche und Erwartungen an sie
  • Halte von dir aus den Kontakt, wenn auch reduziert und angepasst
  • Klammere nicht! Lass deinem Partner genügend Freiraum.
  • Pflege deine Beziehung mittels kleiner Aufmerksamkeiten
  • Unternimm in deinem persönlichen Rahmen gemeinsame Aktivitäten mit deinem Partner
  • Suche und bearbeite die Ursachen deiner Erschöpfung. Es gibt sie!

Danke, dass du den Artikel zu Ende gelesen hast. Klasse!

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6 Kommentare, sei der nächste!

  1. Mittlerweile habe ich gar keine Freundin mehr. … nur noch Bekannte. Ich bin sehr vorsichtig mit neuen Bekanntschaften geworden.

    Ich bin übersensibel geworden und durch meine Schwachheit verleite ich meine Mitmenschen dazu, mich nicht ernst zu nehmen und ständig über meine Grenzen zu treten.

    Dadurch habe ich mich fast vollständig zurückgezogen.

    1. Hallo Heike,
      danke für deinen Kommentar. Auch wenn es dir kein Trost ist, ich glaube, es geht sehr vielen Menschen so wie dir. Und es ist verdammt schwer, da wieder heraus zu kommen. Wenn du immer erschöpft und am Rande deiner Kraft bist, kannst du das Ruder einfach auch nicht rumreißen. Das können die meisten Menschen, denen es nicht so ergeht, einfach nicht wirklich nachvollziehen. Ich hoffe, dass auch du die richtige Stellschraube zur Gesundung findest. Irgendwo ist sie. Gib bloß nicht auf.

      1. Danke, für die lieben Worte. Mein „so sein“ ist ziemlich anstrengend und dann hat es aber auch schöne Seiten, z. B. dass ich so emphatisch bin und mir vieles auffällt, was für andere gar nicht „sichtbar und spürbar“ ist.

        Das schlimmste für mich ist, wenn Mitmenschen mich umerziehen wollen, mir meine Gefühle absprechen. D. h., dass in ihren Augen meine Gefühle nicht richtig sind. ….. Gefühle sind nie falsch, sie sind immer ehrlich ohne hin und her.

        1. Da gebe ich dir völlig Recht. Wenn das Umfeld uns in unserem „Anders-Sein“ akzeptieren und mehr Verständnis entgegenbringen würde, wäre sicher vieles einfacher. Dieses „Umerziehen“ ist wirklich unerträglich. Wenn diese Leute (Freunde?) sich mal von Außen betrachten würden, wären sie wahrscheinlich schier entsetzt über sich selber. Diese Haltung, man müsse sich nur mal überwinden, einfach machen, sie wären auch mal müde etc… durfte ich auch zur Genüge erfahren. Aber Daumen hoch dafür, dass du auch die Kehrseite siehst und zu schätzen weißt. Das ist klasse :)!

  2. Mir geht es da genau wie Heike. Selbst die vermeintlich „besten Freunde“ wollen einfach nicht verstehen, was diese Erkrankung bedeutet. „Müde bin ich auch oft“, oder „steiger dich doch nicht so rein“ muss man sich anhören. Es ist ein Dilemma: erzählt man nichts von seinem Zustand usw., dann denken die Leute es gehe einem ja gut und erwarten somit, dass man funktioniert und alles machen kann wie ein Gesunder.
    Will man aber erklären wie es einem wirklich geht und was man alles nicht mehr kann, dann wird einem unterstellt man wolle nur jammern und Aufmerksamkeit durch die Krankheit. Supi.
    Manches Mal hab ich mir schon gewünscht ich hätte so etwas wie MS. Nicht, weil ich das gerne hätte, sondern weil das jedem Menschen ein Begriff ist. MS ist bekannt und vor allem gesellschaftlich anerkannt, und niemand würde da jemandem Dinge abverlangen oder erwarten, die er einfach nicht leisten kann.
    Aber mit so einer Wischi-Waschi-Sache wie einem „Müdigkeitssyndrom“, Fibro, Hashimoto, KPU usw., die sehr belastend sind und das Leben auch extrem einschränken, aber nicht mal von der Medizin ernst genommen werden …. da hat man echt die A-Karte in jeglicher Hinsicht.
    Das schlimmste finde ich aber, wenn die angeblich besten Freunde nichtmal bereit sind, sich gut formulierte Erklärungen durchzulesen die man ihnen gibt, und wo eigentlich gut beschrieben ist welche Störungen vorliegen und welche Konsequenzen das für Betroffene hat. Das haut rein, und auch ich bin seitdem äußerst vorsichtig geworden mit neuen Bekanntschaften.
    Ich hab keine Kraft für diese Auseinandersetzungen, permanente Erklärungen und neue Enttäuschungen. Die paar Leute die mir erhalten geblieben sind verstehen zwar auch nicht so recht was mit mir los sind, akzeptieren aber, dass ich eben nicht viel mitmachen kann. Trotzdem kommen immer mal komische Kommentare, auch in meiner Familie, aber damit werde ich leben müssen um nicht komplett alleine dazustehen. Es beißt trotzdem jedes Mal …

    1. Hallo Aggi,

      vielen Dank für deinen Kommentar. Ja da hast du völlig Recht. Es ist unglaublich zermürbend auf dieses ständige Unverständnis zu stoßen. Ich persönlich reagiere stark auf diesen besonderen Blick, wenn dem Gegenüber klar wird, dass es sich um keine offiziell anerkannte Erkrankung handelt. So nach dem Motto: Aha, ja, alles klar…. Jemand, der nicht betroffen ist, kann es einfach nicht vollumfänglich nachvollziehen. Das ist leider so.

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